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Blick hinter die Mauern Therapie im Gefängnis
«Das Delikt ablehnen,
den Menschen dahinter annehmen»: Die FSP-Psychologin Leena
Hässig arbeitet in der Frauenstrafanstalt Hindelbank. Im Interview
erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag als Psychotherapeutin im
Gefängnis.
Leena Hässig, Sie arbeiten als Psychotherapeutin in Hindelbank, der einzigen Frauenstrafanstalt der Schweiz. Vergessen Sie während der Therapiestunde, dass Sie sich in einem Gefängnis aufhalten?
Leena Hässig: Nein, das ist mir immer bewusst. Die Alltagsprobleme der Gefangenen, die Erscheinung der Insassinnen, ihre Ausdrucksweisen, ihre Biografien und ihre Delikte, aber auch meine «Freiheit» erinnern mich permanent daran.
Dann unterscheidet sich auch die psychotherapeutische Arbeit im Gefängnis stark von der Arbeit in der freien Praxis?
Sie unterscheidet sich grundsätzlich durch das Vorhandensein eines Deliktes, einer Grenzüberschreitung im sozialen Raum. Die Frauen haben real Schaden an einer Sache oder/und an einer Person angerichtet. Dieses Faktum bedeutet für die therapeutische Haltung: Das Delikt, die Grenzüberschreitung, muss abgelehnt werden, ohne jedoch damit auch den ganzen Menschen abzulehnen.
Was nicht ganz einfach sein dürfte, wenn die Knastatmosphäre so omnipräsent ist. Inwiefern verändert das Setting die Arbeit?
Das Wichtigste war für mich immer, an einem fluchtsicheren Ort arbeiten zu können. Das ermöglicht mir, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren und nicht noch zusätzliche Sicherheitsaufgaben übernehmen zu müssen. Ich arbeitete lange in der Bibliothek, in der Hochsicherheit auch im Baderaum, oder dann im Besucherraum. Zurzeit benutze ich eine Art «Abstellkammer», die hallt. Die Qualität der Räumlichkeit ist im Vergleich zur Fluchtsicherheit und des Nicht-gehört- oder Nichtgestört-Werdens zweitrangig.
Was genau umfasst Ihre Tätigkeit in Hindelbank?
Mein Arbeitsort ist die Strafanstalt, die der Justizdirektion unterstellt ist. Angestellt bin ich aber vom Integriert Forensisch-Psychiatrischen Dienst der Universität Bern, dem ehemaligen Forensischen Dienst der Psychiatrischen Uniklinik, der seit ein paar Jahren der Erziehungsdirektion unterstellt ist. Unser Dienst - ein elfköpfiges Team aus PsychiaterInnen und PsychologInnen unter der Leitung von Dr. med. Ulrich Mielke - hat unter anderem den Auftrag, für das seelische Wohl der GefängnisinsassInnen der fünf Kantonalberner Strafanstalten zu sorgen. Die so genannte Deliktverarbeitung, die Behandlung des Symptoms, ist das Kernstück der psychotherapeutischen Arbeit im Gefängnis. Häufig beginnt sie mit einer Art psychosozialer Begleitung. Diese ist oft eine Einstimmung auf den eigentlichen therapeutischen Prozess. Der Beginn einer Psychotherapie im Gefängnis ist meistens Arbeit an der Motivation. Meine Erfahrung zeigt mir über die Jahre, dass mit einem Drittel aller Klientinnen im engeren Sinne psychotherapeutisch gearbeitet werden kann. Die Arbeit mit einem zweiten Drittel bleibt auf der Ebene der psychosozialen Betreuung oder Behandlung. Das letzte Drittel umfasst die so genannten «Drop-Outs». Damit sind die Frauen gemeint, die versetzt, entlassen oder ins Ausland abgeschoben werden oder die den Kontakt von sich aus abbrechen.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag denn konkret aus?
Montag ist mein Tag in Hindelbank. Dann sehe ich die Frauen, die bei mir eingeschrieben sind. Es sind zum Teil kurze Interventionen, aber auch längere Begleitungen bis hin zu intensiven Therapien. Es sind Frauen verschiedener Nationalitäten, mit denen ich in Deutsch, Französisch und Englisch therapeutisch arbeite. Dazu kommen Sitzungen und wichtige informelle Gespräche, hauptsächlich mit dem Gesundheitsdienst. An einem anderen Tag der Woche sehe ich meine ambulanten Klientinnen und erledige administrative Aufgaben. Der Rest der Woche gehört meiner Familie und meiner Privatpraxis.
Sie sind spezialisiert auf die therapeutische Arbeit mit gewalttätigen Frauen und gehören zu den ganz wenigen Spezialistinnen in Europa. Wie sind Sie auf dieses Gebiet gestossen? Was macht seine Faszination aus?
Es war Zufall, wie ich zu diesem Thema kam. Ich war in den ersten zehn Jahren meiner insgesamt 16-jährigen Tätigkeit die einzige Psychotherapeutin in der Frauenstrafanstalt. Das brachte mit sich, dass ich in diesem Zeitraum alle Gewalttäterinnen der Schweiz kennen lernte. Diese Gewalttäterinnen waren und sind meist lange inhaftiert, deshalb oft auch motiviert, an sich zu arbeiten und für eine Therapie ansprechbar. Vor ein paar Jahren wurde ich darauf aufmerksam gemacht, welch enorm breiten Einblick ich da gewonnen hatte. Nachdem ich mir dieser Erfahrung bewusst geworden war, erlaubte ich mir, generelle Aussagen zu machen und Vergleiche zu ziehen. Diese habe ich in der Folge mit ausländischen Psychologinnen ausgetauscht, die ähnlich praktisch an der Front tätig sind wie ich. Dabei konnte ich feststellen, wie wir alle zu sehr ähnlichen Einsichten kommen. Frauen sind in ihrer Gewalttätigkeit grundlegend anders als Männer. Auch die Tatdynamik ist anders, häufig eine misslungene Konfliktlösung im Beziehungsgeflecht. Was mir Sorgen bereitet ist, dass zunehmend Frauen auch zu Gewaltformen greifen, die man traditionellerweise bei Männern sieht. Ich kann nicht sagen, dass ich von den Gewalttaten fasziniert wäre. Das Interesse am Thema, vor allem an den Frauen, wuchs bei mir jedoch mit zunehmender Zahl der Therapien mit Gewalttäterinnen.
Können Sie die therapeutische Arbeit zwischen straffälligen Männern und Frauen insgesamt vergleichen?
Nein, meine Therapie-Erfahrung mit Männern sind rudimentär und meist auf Krisenintervention beschränkt. Von meinen ArbeitskollegInnen in der Forensik weiss ich aber, dass die Delikte die Therapie auch mit Männern übergewichtig mitprägen. Bei bestimmten Delikten - etwa Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Wirtschaftsdelikten - besteht somit eine gewisse Geschlechtsunabhängigkeit.
Wo liegen die therapeutischen Knacknüsse hei dieser Klientel?
Die grösste Schwierigkeit besteht darin, den Menschen «hinter» oder «vor» dem Delikt zu sehen. Wenn man die Arbeit in einem Gefängnis aufnimmt, beeindrucken die Geschichten und die Delikte der InsassInnen. Die Strafgefangenen sind in ihren Handlungen ausdrucksstark. Sie provozieren Abscheu, Ekel und Ablehnung. Die meisten fallen auf, sind laut und unangepasst und damit in der Kontaktaufnahme eine Herausforderung. Das aktuelle Benehmen der Insassinnen und ihre Delikte können so dominant werden, dass der Mensch mit seinen Beweggründen gar nicht mehr gesehen wird. Sich damit zurechtzufinden ist nicht immer einfach. Erst eigenes und kollegiales Erfahrungswissen hilft, sich nicht in der Sensation und Faszination zu verlieren. Die therapeutische Knacknuss ist, wirklich den Menschen zu finden.
Therapie ohne nachfolgende Begleitung bei der Wiedereingliederung in den Alltag macht wohl wenig Sinn. Gibt es die entsprechenden Möglichkeiten?
Tatsächlich ist es wünschenswert, wenn nach der Entlassung aus dem Strafvollzug die ambulante Therapie bei der Therapeutin oder dem Therapeuten weitergeführt und die im Strafvollzug erarbeitete Vertrauensbeziehung weiter genutzt werden kann. Glücklicherweise ist dies in unserem Dienst möglich, weil wir eine in der Logistik von der Strafanstalt unabhängige Einrichtung sind. Von diesem Angebot wird in der Regel auch Gebrauch gemacht. Es kann aber auch vorkommen, dass jemand durch uns noch zu sehr an die Zeit im Gefängnis erinnert wird, so dass dann der Wechsel des Therapeuten wünschenswert ist.
Sie definieren sich in Ihrem professionellen Selbstverständnis als Körpertherapeutin. Inwiefern lässt sich dieser Ansatz bei straffälligen Frauen anwenden?
Es gibt für mich drei Gründe, warum ich den methodischen Ansatz der Körperpsychotherapie als sehr hilfreich in der Arbeit mit kriminellen Frauen erachte. Erstens geniessen die Frauen die körperpsychotherapeutische Arbeit nach dem vielen Reden bei Befragungen, Verhören oder Gerichtsverhandlungen. Zweitens zeigte es sich, dass die straffiilligen Frauen oft schwerst traumatisiert sind - durch andere, durch sich, durch das Delikt. Bei der Aufarbeitung des Traumas muss man vorsichtig vorgehen. Es gilt eine Abspaltung durch Überforderung zu vermeiden. Hier hilft sowohl mir wie auch der Insassin die Arbeit am Körper. Sie ermöglicht eng an den Ressourcen zu bleiben. Jede Überforderung wird körperlich erlebbar. So lernt auch die Insassin, was sie sich zumuten kann und wenn es ihr zu viel wird. Eine Erfahrung, die sie auch ausserhalb der Therapie nützen kann. Der dritte Punkt ist die Sprache. Oft sind wir im Gefängnis darauf angewiesen, in einer Fremdsprache zu kommunizieren. Sowohl mein Visavis als auch ich sprechen nicht unsere Muttersprache. Da hilft der Körper mit seiner Unmissverständlichkeit.
Wo liegen die Grenzen des körpertherapeutischen Ansatzes?
Die körperpsychotherapeutische Arbeit bewirkt Erfahrungen. Die können aber erst verhaltenswirksam werden, wenn sie in Sprache gefasst werden. Wenn eine Insassin im Bereich der sprachlichen Selbstreflexion eingeschränkt ist, wirkt sich das auch auf die Therapie aus. Hier haben dann wohl auch andere Therapieformen ihre Grenzen.
Sie begegnen bei Ihrer Tätigkeit vielen Menschen mit kaputten Biografien. Braucht es besondere Strategien, um diese Eindrücke zu verarbeiten?
Im Gegensatz zur Arbeit in einer Klinik bin ich mit psychischen Erscheinungsbildern konfrontiert, die sich im sozialen Netz ausagieren. Das mag dem einen schwieriger erscheinen, mir nicht. Es entspricht eher meinem Naturell. Die Wege oder Irrwege der Psyche kann man bei meiner Klientel viel deutlicher sehen. Der Leidensdruck ist offensichtlich und zum Beschönigen völlig ungeeignet. Diese Arbeit an den offensichtlichen Konflikten ermöglicht mir, mich in einer gewissen Distanz zu halten.
Das Gefängnis als ideale Arbeitsstätte für besonders sensible TherapeutInnen?
Das nicht, klar. Grenzüberschreitungen zwischen Menschen, insbesondere wenn diese gewalttätiger Natur sind, machen zu schaffen. Das Schwierige sind jedoch nicht so sehr die Delikte, sondern die Lebenswege, welche zu den Delikten führten. Meist sind nicht die betroffenen Frauen zehrend, sondern ihre Umgebung, die tatenlos und stumm zuschauenden Zaungäste. Von diesen wünsche ich mir täglich mehr Verantwortungsgefühl anstelle des Delegierens in der Hoffnung, dass dann schon jemand hinschaut. Wichtig ist deshalb für mich, dass ich dem Alltag und der Normalität in meinem Leben viel Platz einräume. Hinzu kommt, dass ich meine Erfahrung verarbeite, indem ich diese mit Kolleginnen und Kollegen an Kursen und Kongressen diskutiere. Meine frühere Chefin war sogar der Ansicht, dass man nicht mehr als 50 Prozent mit dieser Arbeit verbringen soll, wenn man gute Arbeit machen und nicht einer sekundären Traumatisierung erliegen will.
Werden Sie von der Gefängnisdirektion auch einbezogen und z.B. bei Streitigkeiten unter den Insassinnen um Rat gefragt?
Nein. Unsere Aufgabe beschränkt sich auf die individuelle Betreuung der einzelnen Insassinnen. Selten wird im Rahmen einer solche Begleitung das Personal beispielsweise im Umgang mit einer besonders schwierigen Frau weitergebildet.
Welchen Stellenwert geniessen Sie als Psychologin in der Betreuungshierarchie? Gegen welche Widerstände haben Sie anzukämpfen?
Das eine Mal bin ich Sand im Getriebe, etwa wenn ich eine Frau in Ihrem Selbstwert derart gestützt habe, dass ihre Inhaftierung nicht mehr reibungslos verläuft. Ein anderes Mal bin ich Öl im Getriebe, etwa wenn ich mithelfe, eine Frau hafterstehungsfähig zu erhalten oder für ihre Resozialisierung sorge. Generell kann ich sagen: Wenn mein Fachwissen oder meine Erfahrung gefragt sind, geniesse ich einen hohen Stellenwert. Wenn ich jedoch nicht direkt «gebraucht» werde, kann der eine oder andere denken: Für was braucht es das? Ist das denn nicht überflüssig? Manchmal spüre ich auch, wie ich mit meiner so genannten Zweisamkeit mit der Insassin auch eine gewisse Bedrohung darstelle, weil ich ein Geheimnis mit jemandem teile, der ansonsten kaum mehr Intimsphäre hat. Dann muss ich zuweilen gegen wilde Projektionen antreten.
Interview: Markus Theunert
Die Interviewpartnerin Leena Hässig Ramming (43) ist Psychologin FSP, Strafrechtlerin und Lehrtherapeutin in somatischer Psychotherapie/Biosynthese. Seit 16 Jahren arbeitet sie für den Forensischen Dienst als Psychotherapeutin an der Frauenstrafanstalt Hindelbank (früher 50, heute 40 Prozent). Daneben war oder ist sie u. a. beschäftigt mit Supervisionen für das Personal der Massnahmeanstalt St. Johannsen, Kriseninterventionen im Regionalgefängnis Bern, Fallsupervisionen mit dem Personal der Bewährungshilfe, Weiterbildungen für die freiwilligen Mitarbeiterinnen der Bewährungshilfe zum Themenbereich Forensische Psychologie und Psychiatrie, ambulanten (z.T. gerichtlich angeordneten) Therapien und praxisorientierten Lehraufträge (z.B. für die Agogis, die FSP und den SPV im Bereich der Opferhilfe).
Anschrift Leena Hässig Ramming, Integriert Forensisch-Psychiatrischer Dienst der Universität Bern, Abteilung Therapie, Länggassstrasse 27, 3012 Bern |